Amok Amor – We know not what we do

Die neue Platte des Jazzquartetts Amok Amor beginnt, wie es in Kreisen des neuen Free Jazz üblich ist. Ohne Vorbereitung geht es direkt ins Eingemachte. Das erste Stück „Pulsar“ fängt mit einem multiinstrumentalen Stampfen an, das sich erst nach und nach auflöst, wenn Trompeter Peter Evans und Saxophonist Wanja Slavin in ihre Soli gleiten. Es endet mit langgezogenen, spannenden Tönen, die an die Neue Musik etwa eines Bernd Alois Zimmermanns erinnern. Die Geschwindigkeit, die Christian Lillinger am Schlagzeug vorgibt, geht dabei nie verloren.
Erst ab dem vierten Stück legt sich der Rausch etwas und es folgt eine Meditation zum Werk des Trompeters und Flügelhornisten Alan Shorter. Mit den folgenden Stücken „Trio Amok“ und „Enbert Amok“ aus der Feder Lillingers wird es dann wieder etwas hektischer.

„Jazzfriendship“ ist das harmonischste Stück der Platte und erinnert am meisten an klassische Jazzstandards. Hier wird deutlich, was für eine Dichte das Quartett erzeugen kann (wohl unter Mithilfe von Overdubs), gerade wenn die vier Musik so repetierende Skalenläufe unternimmt, die an Kompositionen von Terry Riley erinnern.

Schnelle Einheit

Mit ihrem neuen Album haben Amok Amor nochmal deutlich an Geschwindigkeit aufgenommen im Vergleich zu ihrem Album „Amok Amor“ von 2015. Ihren Sound haben sie weiter aufgedröselt, sodass sich die einzelnen Musiker noch freier bewegen können. Das bemerkenswerte ist, dass die Band dadurch nichts an Zusammenhalt verliert. Im Gegenteil: Amok Amor klingen mehr nach Einheit denn je. Und das ist vor allem möglich, weil die Band so gut eingespielt ist. So kann sich das Saxophon auch mal der Rhythmusgruppe anschließen, ohne dass die Band auseinanderfällt.

Bemerkenswert bleibt dabei auch der schiere Ideenreichtum Lillingers. Obwohl die Musiker gleichberechtigt wahrzunehmen sind, scheint der Schlagzeuger das Quartett zu lenken und zu dirigieren mal wie eine Rockband, ein Orchester oder eben ein Free-Jazz-Quartett. Zusammengehalten wird das Ganze durch die Energie und Spielfreude, die die vier Musiker mitbringen.

Attitüde und Leidenschaft

Während sich die alte Grade, wie etwa Peter Brötzmann, über fehlende Attitüde und Leidenschaft in der Musik junger Künstler beschwert, kann man das Amok Amor nicht vorwerfen. Die Band kann er nicht gemeint haben. Zwar ist es, wenn Lillinger spielt, natürlich nicht so free wie etwa bei einem Han Bennink, aber die Spielfreude, mit der er Themen wie den Neoliberalismus einfach wegtrommelt („A Run through the Neoliberlaism“), ist nicht zu leugnen. Spielt Lillinger dann vielleicht doch etwas zu exzentrisch? Brötzmann hat eigentlich genug Humor, die Exzentrik nachzuvollziehen … Vielleicht ist es einfach nur ein Generationsunterschied. Denn was hier zu hören ist, ist keine Sekunde langweilig und stimmt optimistisch für die Zukunft.

DCVDNS – Der erste tighte Wei$$e

DCVDNS trägt eine neue Brille. Fast vier Jahre ist es her, dass der saarländische Rapper sein letztes Soloalbum veröffentlicht hat. Und genau wie seine Brille haben auch Selbstdarstellung und Sound ein Update bekommen.

War DCVDNS früher vor allem als die humoristische Kunstfigur eines absurden Möchtegernrappers aus gutem Hause bekannt, hat er nun seine Metamorphose zum Gangster vollzogen. Das Überraschendste ist wahrscheinlich, dass DCVDNS dabei nichts an Unterhaltungswert eingebüßt hat. Und was schon beim alten DCVDNS durchschien, ist heute noch etwas klarer: DCVDNS hat eine klare Vorstellung davon, was Rap für ihn ist. Viele Anleihen im Sound und Textstellen verweisen auf die Goldene Ära des Hip Hop, gleichzeitig wirkt der durchgehende Synthiesound sehr zeitgemäß und es kommt sogar Autotune zum Einsatz!

So ist es auch mit seinem Humor, der stets grenzwertig und manchmal auch albern ist, aber nie ins lächerliche abrutscht. Dass DCVDNS auch seine Witze sehr ernst nimmt, ist in seiner Musik immer schon durchgeschienen (siehe Lieder wie „Du machst dir keine Gedanken solange die Nutella nicht nach Scheisse schmeckt“ und „Warum“). Und deswegen wird es wohl auch die wenigsten Fans stören, dass diese besondere Ironie, mit der sich DCVDNS stets über die unnötigen Beiprodukte der Rapszene lustig gemacht hat, nun einer weniger humoristischen Haltung gewichen ist. Denn die Qualität der Musik überzeugt.

Im Vorfeld zur Veröffentlichung wurde über DCVDNS‘ Verwendung des N-Wortes im Titeltrack diskutiert: „Der erste tighte Weiße, seit dem letzten tighten Nigger“. Deutschrapfreunde wissen, dass DCVDNS damit auf den Rapper Taktlo$$ anspielt und damit an die Tradition des deutschen Untergrundraps anknüpft. Da die Bezeichnung  „der letzte tighte Nigger“ von Taktlo$$ selbst stammt, kann man bei der Verwendung des N-Wortes DCVDNS keinen Rassismus vorwerfen, dafür wohl Unachtsamkeit, unangebrachte Leichtfertigkeit. Trotzdem hat die Zeile provoziert. Nachdem der Rapper Mortel nachgefragt hat, ob DCVDNS, das N-Wort benutzt habe, antwortete er:

 

 

 

Darf man ein Wort, das eine rassistische Geschichte hat, in einem Rapsong leichtfertig als Zitat verwenden? Die Frage wurde heftig diskutiert (rap.de-link). Die Frage ist aber auch, ob man Wörter wie „schwul“, die eigentlich eine wertneutrale Bezeichnung darstellen, als Beleidigung verwenden darf? Das tut DCVDNS beispielsweise in seiner ersten Single „Neuer alter Savas“. Und da ist es nicht nur ein leichtfertig verwendetes Zitat, sondern eine klare Herabsetzung.

Man darf also beides. Jeder entscheidet für sich, wo er die Grenze zieht. Doch früher hat sich DCVDNS über den im Rap herrschenden Sexismus mit Liedern wie ZDS („Zeig deinen Schwanz“) lustig gemacht, heute bedient er sich dessen.

The Shaggs: Die schlechteste Rockband der Welt – aber immer noch besser als die Beatles

Epping ist eine winzige Stadt in Neuengland im Norden der USA. Ende der neunziger Jahre leben dort rund fünfeinhalb tausend Menschen. Eines Tages fahren am dortigen Dunkin‘ Donuts zwei Frauen vor. Sie sind um die 50 Jahre alt und sind in dem Nachbardorf Fremont aufgewachsen, einem ebenso kulturell abgeschnittenen Hinterland wie die gesamte Gegend. Die eine, Dot, ist zu dieser Zeit Putzfrau, die andere, Betty, arbeitet in einem Warenlager.

In dem Dunkin‘ Donuts sind sie mit einer Journalistin verabredet. Gemeinsam hören sie das Album „Philosophy of the World“ aus dem Jahr 1969 von der Rockgruppe The Shaggs. Als Betty die Musik hört, muss sie den Kopf schütteln: „Gott, das ist schrecklich.“ Und das ist keine ungewöhnliche Reaktion bei Menschen, die die Musik der Shaggs zum ersten Mal hören. Es gibt nur einen Unterschied: Betty hat selbst in der Band gesungen und Gitarre gespielt.

Die schlechteste Band

The Shaggs, das ist die Band, die in Listen immer wieder mal als die schlechteste Band der Welt genannt wird. Und trotzdem gibt es Menschen, die auf die Einzigartigkeit ihrer Musik schwören. Am häufigsten wird in diesem Zusammenhang Frank Zappa zitiert, der in einem Radio-Interview in den 70er Jahren behauptete, die Shaggs seien besser als die Beatles. Er ist aber nicht der Einzige: Kurt Cobain erwähnt „Philosophy of the World“ in der Liste seiner 50 Lieblingsalben. Regisseur Harmonie Korine behauptet, dass das Album das Leben eines jeden Hörers für immer verändere. Und die Jazz-Musikerin Carla Bley sagt, die Musik der Shaggs habe ihren Verstand zum vollständigen Stillstand gebracht. Wie kann diese Band so polarisieren?

Die Geschichte von The Shaggs beginnt zwei Jahre vor den Aufnahmen zu „Philosophy of the World“. 1967 besteht die Band aus den drei Schwestern Betty, Dot (Songschreiberin, Gitarre, Gesang) und Helen (Schlagzeug). Der Entschluss, eine Band zu gründen, kommt allerdings nicht von den Mädchen selbst. Sie folgen damit den Befehlen ihres Vaters, Austin, dem prophezeit worden war, seine Töchter würden Pop-Stars werden.

Der Angestellte in einer Textilfabrik enthebt die Töchter ihrer Schulpflicht, kauft von dem wenigen Geld, das die Familie besitzt, Instrumente und The Shaggs sind geboren. Abgesehen von Konzerten in der Stadthalle von Fremont dürfen die Mädchen wenig vor die Tür. Ihre Tage bestehen von nun an vor allem aus Sportübungen und Bandproben. Widerrede gibt es nicht. Austin ist ein strenger und tiefgläubiger Vater, ein leicht zu reizender Mann, den die Nachbarn noch nie lachen gesehen haben.

„Sie sind noch heiß“

Als The Shaggs im März 1969, verstärkt durch Schwester Rachel am Bass, die Fleetwood Studios in Massachusetts betreten, sind die Mädchen trotz der strengen Proben unsicher, ob sie für die Aufnahmen bereit sind. Auf Konzerten werden sie ausgebuht, manchmal sogar mit Sachen beworfen. Doch es gibt kein zurück: Ihr Vater hat viel gebetet und will die Musik der Shaggs verewigen, solange „sie noch heiß sind“.

Als der Produzent und der Aufnahmeleiter des Studios die jungen Mädchen sehen, sind sie verwirrt. Unter einer weiblichen Rockband hatten sie sich etwas anderes vorgestellt: Mehr Leder, mehr Sex, mehr Rock’n‘Roll. Was sich ihnen bietet, als die Mädchen zu ihren Instrumenten greifen, ist etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Sie können ihren Ohren nicht trauen: Eine Band, die so schlecht spielt, haben sie noch nie gehört. Sie rollen auf dem Boden vor Lachen.

Die Aufnahmen auf „Philosophy of the World“ zeugen heute davon, was für einen merkwürdigen Eindruck The Shaggs hinterlassen haben müssen. Die Instrumente sind schlecht gestimmt, als wären die Mädchen in unterschiedlichen Räumen, scheint jede für sich zu spielen. Dot und Betty singen zu schief und zu hoch. Es gibt keine Harmonie oder einheitliche Melodie. Alles klingt etwas schief und krumm. Die Texte handeln von ihrer Katze, ihren Eltern, Halloween und anderen Themen, die brave Teenager in den USA der 60er Jahre umgetrieben haben. The Shaggs wissen nicht, was sie tun, sie sind naiv, neben der Spur, lächerlich und merken das alles nicht mal. Auf den ersten Blick spricht nichts dafür, auch nur ein Lied auf dem Album zu Ende zu hören.

Kultband

Wie konnte diese Band also über die letzten Jahrzehnte eine so große Fangemeinde gewinnen? Für einige, ist es sicher der hohe Trashfaktor und die mysteriöse Geschichte, die hinter der Musik steht: Ein tyrannischer Vater, der seine Kinder in den Keller einsperrt, damit sie Rockstars werden, ihnen nur Erdnussbutter-Sandwiches zum Essen gibt und sie womöglich sexuell missbraucht.

Doch vieles, was über The Shaggs erzählt wird, ist zugespitzt und ist mehr Mystifizierung als wahre Bandgeschichte. Um The Shaggs wirklich schätzen zu lernen und sie zu verstehen, muss man hinter den eigenen Voyeurismus kommen, hinter die Irritation und das eigene Lachen, das die Musik auslöst.

Denn diese Musik lässt sich nicht nach der Qualität der Produktion oder der Virtuosität ihrer Musiker bewerten. Beides ist nicht vorhanden. Sich also über die verstimmten Gitarren oder die asynchrone Rhythmik zu beschweren, ist überflüssig. Und ein Teil der Originalität der Shaggs liegt genau in der Unfähigkeit diese eigenen Defizite zu erkennen. Diese Mädchen wollen eine ganz gewöhnliche Rockband sein, klingen aber Lichtjahre davon entfernt.

Heraus kommt etwas gänzlich Ungehörtes. Die Musik der Shaggs ist eine Herausforderung. Und in den besten Fällen schafft es Musik, unsere Hörgewohnheiten so zu fordern, sodass wir das, was wir als Selbstverständlich angesehen haben, hinterfragen. Es ist anstrengend, das „Philosophy of the World“ von vorne bis hinten durchzuhören. Was sich aber offenbart, ist eine ganz neue und ungewohnte Wahrnehmung von Musik und Klängen an sich.

Eigene einzigartige Version von Musik. Und wenn das keine Kunst ist, was dann? Die Musik kann keinen elitären Ansprüchen genügen und das sollte sie auch nicht. „Wenn Musik zu perfekt wird, will ich sie nicht hören“, sagt Musiker Terry Adams von der amerikanischen Rockband NRBQ.

The Shaggs heute

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Heute, gut 20 Jahre nach dem Treffen an dem Dunkin Donuts in Epping, sind The Shaggs so populär wie nie zuvor. „Philosophy of the World“ wird neu aufgelegt, und mit der Hilfe von Terry Adams veröffentlicht Dot 2013 ihr erstes Solo-Album. Auf den Pressebildern sieht man eine freundliche ältere Dame. Auf dem Album „Ready! Set! Go!“ singt sie alte Texte, die sie ursprünglich für The Shaggs geschrieben hatte. Die Musik nimmt auf die naive Spielweise der Shaggs Bezug, versucht ihn aber nicht zu imitieren. Es ist ein freundliches Album, eine schöne Fortsetzung.

Mit dem steigenden Interesse und der neuen Öffentlichkeit Dots geht eine Entmystifizierung ihrer alten Band einher. Die bizarren Geschichten, die sich Fans über die Shaggs erzählen, werden nun durch reale Bilder ersetzt. Und auch das ist gut, denn die Shaggs sind keine Band aus einem Horrorfilm, in dem ein manischer Vater seine vier Töchter gefangen hält und dazu zwingt, Musik zu machen. Sie sind kein fehlgeschlagenes Experiment und auch nicht mit den zwei toten Mädchen aus „Shining“ verwandt. Wer nur diese morbide Seite der Shaggs sieht, verkennt, dass sie vor allem ganz normale Menschen sind.

Man sucht immer schnell nach Superlativen: Sind The Shaggs die beste oder die schlechteste Band aller Zeiten? Weder noch. Aber wer sich auf sie einlässt und die menschliche Seite der Musik erkennt, der wird nach „Philosophy of the World“ anders hören.

Notwendige Gewalt: Kalim – Odyssee 579

Kaum einem anderen Musik-Genre (ausgenommen vielleicht noch Metal) wird so gerne Gewaltverherrlichung vorgeworfen wie Hip Hop. Das Genre macht es einem aber auch nicht schwer, Argumente zu finden. Rapper wie Haftbefehl oder Kollegah besingen ganz offen Gewalt gegen Polizisten oder verfeindete Drogendealer.

Gerne rechtfertigen sich die Musiker dann, indem sie sagen, man verkaufe doch nur einen Action-Film. Arnold Schwarzenegger müsse ja auch nicht immer wieder die Frage nach Gewalt in seinen Filmen beantworten.

Und es stimmt ja: Gewalt in Musik, Filmen oder Videospielen kann einen durchaus hohen Unterhaltungswert haben. Trotzdem kann man das Gefühl bekommen, dass sich die erfolgreichsten Vertreter dieser Medien gerne einer konsumierbaren Form von Gewalt bedienen. Gewalt dient hier dem Nervenkitzel oder dem komödiantischen Effekt, sie verstört nicht ansatzweise in dem Maße wie sie es in der Realität tut.

Es ist eigentlich eine philosophische Frage, wie gut es für eine Gesellschaft ist, wenn ihre Auseinandersetzung mit Gewalt hauptsächlich aus diesem konsumierbarem Entertainment und den Nachrichten besteht.

Ich denke jedenfalls, dass es in der Kunst notwendig ist, dass es ein Gegengewicht zur konsumierbaren comicartigen Gewalt geben muss. Filme des Regisseurs Gaspar Noé sind Beispiele dafür. Hier wird nicht versucht, der Gewalt Unterhaltungswert abzugewinnen. Stattdessen wird auf konsequente Weise ihre Unerträglichkeit dargestellt. Krassestes Beispiel ist sein Film „Irreversible“. Solche Filme sind wichtig, da sie das Unterhaltungskino um eine notwendige Qualität der Gewalt ergänzen.

Umso wichtiger ist es, dass es solche Ergänzungen auch in einem Genre wie Hip Hop gibt. Und ein hervorragendes Beispiel hierfür ist das neue Album des Hamburger Rappers Kalim.

In Zeiten, in denen sich Straßenrap vor allem zwischen Actionfilmen, in denen die Mütter gefickt werden, und Reueballaden bewegt, in denen die weinenden Mütter um Vergebung bittend besungen werden, sticht Kalim heraus. Denn sein Film ist nicht die leichte Actionkost. Gewalt taucht hier nicht um des bloßen Schockeffekts auf, hier ist sie Teil einer brutalen Lebenswelt. Und Kalim trägt sie mit einer Intensität und Wut vor, die einerseits schockieren, andererseits aber auch für die Ursachen solcher Gewalt sensibilisieren können. Hier wird nicht moralisiert, sondern gezeigt, wie es ist. Und damit wird genau das erreicht, was in der sonstigen Hip Hop-Landschaft so dringend fehlt: Realität.

Dilettantismus und Virtuosität: Peter Brötzmanns allzu menschliche Musik

Die Töne, mit denen Peter Brötzmann berühmt geworden ist, das sind die schmetternden Saxofonsalven, die einem auf dem Album „Mashine Gun“ entgegen blasen. Vor fast 50 Jahren im Mai 1968 wurde das Album veröffentlicht und auch heute im fortgeschrittenen Alter hat Peter Brötzmanns Musik nichts von dieser Energie verloren.

Im März hat er zusammen mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh das Album „Ears Are Filled With Wonder“ veröffentlicht. Darauf lässt Brötzmann zwar auch zartere Töne anklingen, aber immer wieder brechen diese aufgefledderten Notennester aus ihm heraus, immer noch intensiv und eindringlich. Und mit Heather Leigh hat Brötzmann eine ausgezeichnete Partnerin gefunden, die seinem rauen Saxofonklang ein schwingendes Klangbett bietet.

Manchmal muss ich lachen, wenn ich Peter Brötzmann höre. So ging es mir zum Beispiel, als ich das erste Mal die Platte „Fragments“ gehört habe, die Brötzmann mit dem Gitarristen Sonny Sharrock aufgenommen hat. Vor allem Sharrocks Gitarrenspiel brachte mich zum Lachen, weil ich einfach nicht wusste, ob dieser Sharrock das jetzt ernst meint oder mich nur verarschen will. Schiefe Töne mit überzogenem Hall, oft ungenau gegriffen. Es klang so unbeholfen, ungekonnt und naiv. Und genauso kann auch Peter Brötzmann spielen. Er klingt dann dilettantisch, irgendwie besoffen. Aber dann lässt er wieder waghalsige Läufe aus seinem Saxophon brechen. Es ist eine irritierende Mischung, die einem begegnet, wenn man mit Free Jazz nicht all zu sehr vertraut ist.

Erst später konnte ich das Lachen, das „Fragments“ in mir ausgelöst hat, wertschätzen. Dass mich ein Gitarrist nur mithilfe von Musik zum Lachen bringt, ohne ein Wort zu sagen oder sein Gesicht zu verziehen, ist durchaus etwas Außergewöhnliches. Das kannte ich vorher vielleicht von Helge Schneider Platten, aber nicht aus einer Musik, die sich für Außenstehende doch sehr ernst zu nehmen scheint.

Im November konnte ich Peter Brötzmann und Heather Leigh live im Kölner Loft erleben. Ich war mit Freunden da, die die Musik von Peter Brötzmann noch nicht kannten. Auch sie mussten über die komischen Töne lachen. Gleichzeitig waren sie beeindruckt, wenn Brötzmann zeigte, wie virtuos er spielen kann, und sie waren auch irritiert, darüber, wie aufgerieben und schmerzvoll diese Musik beizeiten klingt.

Ich glaube, hier liegt die Schönheit dieser Musik: Alles liegt hier ganz nah beieinander, das Aufgeriebene und das Komische, die Virtuosität und der Dilettantismus. Sie stehen alle gleichberechtigt nebeneinander. Es gibt keine Hierarchien mehr zwischen diesen Begriffen. Es gibt kein Hoch und Tief, kein „ernste Musik vs. Unterhaltungsmusik“, sondern nur noch reinen Ausdruck.

Das Auflösen dieser künstlichen Gegensatzpaare mündet bei Brötzmann jedoch in keinen Nihilismus. Brötzmanns Musik hat etwas äußerst menschliches. Und am besten zeigt Brötzmann diese  Seite im Dialog mit einem anderen Musiker bzw. ein anderen Musikerin. So wie auf „Ears Are Filled With Wonder“.

Rezension: The Dillinger Escape Plan – Dissociation

Haben sie das Biest gezähmt? Irgendwie wirkte das letzte Album „One of us is the Killer“ (2013) so, als hätten The Dillinger Escape Plan ihre Formel gefunden. Die Durchschlagskraft war noch da, aber die Musik war auf einmal durschaubar: DEP nach Rezept also?

Dabei hat die Band mit „Calculating Infinity“ (1999) und „Miss Machine“ (2004) genreprägende Alben geschaffen. Die komplexen Rhythmen und ihr brachialer Sound haben zahlreiche Bands inspiriert. Wer einen DEP-Song hört, erkennt sie meist sofort: Es ist vor allem schnell, dissonant, präzise und laut.

Das Chaos bezwungen

Und doch schlich sich bei „One of us ist he Killer“ immer wieder das ein oder andere etwas uninspirierte Riff zwischen die gewohnten Kracher. Und während man bei den Vorgängern auch nach dem hundertsten Mal hören noch neue Dinge entdecken konnte, war auf „One of us is the Killer“ alles viel abgeklärter, runder, aber auch nicht mehr so überraschend. Das Chaos schien bezwungen und die Band an einem kreativen Scheideweg zu stehen.

Gut also, dass The Dillinger Escape Plan sich auflösen. Auf das die Mittelmäßigkeit nie Überhand gewinnen kann. Nach dem neuen Album „Dissociation“ gibt es noch eine große Welttournee, danach ist Schluss.

Auf den Tod zusteuern

Die Band um Ben Weinman (Gitarre) und Greg Puciato (Gesang bzw. Geschrei) entzieht sich damit also der eigenen Routine und Sicherheit. Denn wer den Zeitpunkt seines Todes kennt, lebt anders, intensiver. Dass DEP die Schwächen des Vorgängers auf „Dissociation“ minimieren konnten, hat also vielleicht mit dem bevorstehenden Ende zu tun.

Mit dem ersten Lied „Limerent Death“ geht es für DEP-Verhältnisse langsam los. Die Band lässt sich ein bisschen mehr Zeit, als auf all ihren anderen Alben, wo es eigentlich immer sofort losging. Erst nach 25 Sekunden setzen endlich auch die schnellen Staccato-Gitarren-Riffs ein, für die man die Band so liebt.

Die rhythmischen Wendungen und Tempoänderungen bereiten einen schon auf den Rest des Albums vor. Denn die Konzentration, die bei „One of us is the Killer“ stellenweise gefehlt hat, wird hier vor allem durch Variation kompensiert. So erlauben sich DEP häufig, aus dem gewohnten Muster auszubrechen: Von einem komplett elektronischen Lied (Fugue), über ein Fusion-Gitarren-Solo (Low Feels Blvd) und kurzen Jazzeinlagen (Honeysuckle) bis hin zu schmalzigen Streichern, die das Album in den letzten zwei Liedern (Nothing to Forget, Dissociation) ausklingen lassen.

Nicht neu, aber nahtlos

Das alles ist nicht unbedingt neu. DEP waren schon immer experimentierfreudig, aber selten haben sich die musikalischen Ausflüge so nahtlos in die Soundästhetik eingeflochten. Wirkten die Soundexperimente Alben wie „Ire works“ noch wie angehängte Bonustracks, fügt sich auf „Dissociation“ alles ganz natürlich zusammen.

Gleichzeitig verlieren DEP nicht an ihrer Durchschlagskraft. „Dissociation“ ist roh und brutal, beinhaltet aber immer wieder ruhigere Passagen, in denen DEP noch weiter ausholen, um anschließend umso fester zuzuschlagen. Erst am Ende klingt das Album ruhig aus. Mit der widerholten Zeile „Finding a way to die alone“ schließt das letzte und vielleicht homogenste Album der Bandgeschichte.

Es hat sich hier vieles zusammengefügt, was sich über einen Zeitraum von 20 Jahren entwickelt hat.  Gerade nach so einem guten Album ist es ein schwerer Abschied. Allerdings lässt die Spannbreite an Klängen, Energie und Experimentierfreude hoffen, dass sich die Mitglieder von DEP in anderen Projekten weiter austoben werden.

Rezension: Voodoo Jürgens – Ansa Woar

Eine Frau und ein Mann stehen vor einer Kneipe, über dem Eingang steht „Voodoo“. Sie trägt hochhackige Stiefel, einen Pelzmantel und ein durchsichtiges Kleid. Er Cowboy-Stiefel, einen langen Mantel und ein buntes Hemd. Sie sieht an sich herab und präsentiert ihr Bein. Er neigt sich dem Betrachter zu, als wolle er einen dreckigen Witz erzählen. Es sind zwei jener Gestalten, die auf dem Cover von „Ansa Woar“ abgebildet sind, über die der Österreicher Voodoo Jürgens singt.

Die Protagonisten dieser kleinen Dreigroschenoper sind Boxer, Säufer, Tagediebe, Prostituierte, Gescheiterte, Gestalten, von denen man sich lieber fern hält und was sonst noch in den Kneipen versauert. Voodoo Jürgens fügt sich in dieses morbide Bild ein: Seine Eltern haben sich der Legende nach beim Trampen in Togo getroffen, wo ihnen ein Voodoo-Priester ein Aphrodisiakum gab und woraufhin sie Voodoo Jürgens zeugten. Heute trägt er ein aufgeknöpftes Hemd mit dem Muster einer 60s-Tapete, Silberkettchen, Vokuhila, Schlangenlederstiefel.

Dylan und Qualtinger

Und auch seine Musik entstammt dem Milieu. Sie erinnert mal an die Moritate eines Helmut Qualtingers, mal an die Folksongs eines Bob Dylans, dann wieder an die trashige Kneipenfolklore, wie man sie vielleicht von Helge Schneider kennt. Dazu erzählt Voodoo Geschichten über das Aufwachsen in einer Kleinstadt, über das Scheitern, das Lieben und das Verlassenwerden. Die Stimmung schwankt dabei stets zwischen trunkener Melancholie und schmissigen Gassenhauern, belgeitet von einem Akkordeon oder  einer elektronischen Orgel. Die bestimmenden Instrumente auf dem Album sind aber Voodoos Gitarre und seine quietschende Stimme, die immer nach leichten Suff klingt.

Vor allem in der ersten Hälfte des Albums zeigt sich, wie eng Tragik und Feierlaune bei Voodoo Jürgens beisammen liegen. Nachdem sich der Opener „3 Gschichtn ausn Cafe Fesch“, ein Lied über drei tragische Schicksale, langsam aufgebaut hat, kommt Voodoos Orgel-Saufhit „Heite grob ma Tote aus“. Dem ruhigen „Nochbarkinda“ über elterliche Gewalt folgt die schwungvolle zweite Single „Gitti“ (verkörpert von der Schauspielerin und Musikerin Eva Billisich), die die Geschichte der gleichnamigen Protagonistin erzählt, die sich trotz des Zuredens ihrer Freundin nicht von ihrem Vorstadtkasanova trennen möchte: „Geh, du bist ja nur neidig, dass i an hob und du net.“

Es folgen das Liebeslied „In deiner Nähe“ und Voodoos musikalische Hymne an sein Heimatdorf „Tulln“. Ab hier wird das Album ruhiger. Es folgen keine tanzbaren Mitsinglider mehr. Was aber nicht heißt, dass Voodoo der vollkommen seiner Melancholie verfällt. Der Titel „Alimente“ zeigt vielleicht am besten, wofür der Musiker steht: Im Hintergrund läuft ein dezenter Beat, der nach der 16-Bit-Musik eines Spielautomaten klingt, während Gitti sich mit dem Vater ihres Sohnes über die Unterhaltszahlungen streitet, alles in Reimen. Das Lied bringt den Witz und die Tragik von Voodoos Kosmos perfekt zusammen. Und man beginnt zu verstehen, warum er singt: „Viele san o‘stürzt, oba uns hat’s net troffen / Sonst tat ma heut net da sitzen und singa“.

Dem Leben abgehört

Die Geschichten, die Voodoo Jürgens erzählt, sind dem Leben abgehört. Bei allem Humor, den der Sänger mitbringt, werden die Menschen und ihre tragischen Schicksale nicht verspottet. Im Gegenteil: Sie werden besungen. Es sind ebenso sehr Lieder über die Menschen wir für diese Menschen, die noch sitzen bleiben, wenn die Jungs von Wanda schon lange weitergezogen sind. In einer Kneipe, wo die Jungs von Bilderbuch nie hingehen würden, dafür aber mal der Nino aus Wien vorbeischaut und einen mittrinkt („Alimente“, „Hansi da Boxer“).

Am Ende in „Damen und Herren“ bedankt sich Voodoo fürs Zuhören. „Geht’s ruhig weiter“, sagt er uns und verzieht sich wieder in die hinterste Ecke seiner Kneipe. Wir können weitergehen und die vergessenen und gescheiterten Seelen wieder links liegen lassen. Aber die Geschichten, Ratschläge und Schnapsweisheiten bleiben einem erhalten. „Ansa Woar“ ist ein ebenso lustiges wie melancholisches Album, mit ansteckenden Rhythmen und schönen Melodien. Lebensbejahend im Angesicht menschlicher Tragödien: „Sie wern lochen, oba i kennt rern“.